Spirituelle Kraft des Erotischen
Spirituelle Kraft des Erotischen
Zwischen antikem Mythos und zeitgenössischem Ritual erkundet MARINA ABRAMOVIĆ Projektionen und Abgründe westlicher Balkanbilder
In der griechischen Mythologie fällt Demeter, die Göttin des Getreides und Ackerbaus, in eine lange, tiefe Trauer, nachdem ihre Tochter Kore von Hades in die Unterwelt entführt worden ist. Da kein Aufmunterungsversuch der Gött*innen hilft, ihren Schmerz zu überwinden, vertrocknen die Ernten, und die Menschen fürchten, einem Leben in Hunger ausgeliefert zu sein. Baubo, auch als Iambe bekannt und ursprünglich eine anatolische Fruchtbarkeitsgöttin, empfindet Mitleid mit Demeter. Lachend zieht sie ihren Rock hoch und streckt Demeter ihre nackte Vulva entgegen. Dieser spontane Akt ist das einzige, das Demeter nachhaltig aufmuntert und zu einem strahlenden Lächeln führt, durch das die Erde wieder fruchtbar wird.
Erst im 17. Jahrhundert, im Zuge der Transkription griechischer Mythen durch christliche Gelehrte, wurde Baubos Akt der Zuneigung und Solidarität zu etwas Groteskem umgedeutet. Das Groteske bezeichnet eine ästhetische Ausdrucksform, deren Ursprung in der sogenannten »Grottesche« der Renaissance liegt – fantasievollen Zeichnungen, die bei der Ausgrabung römischer Anlagen entdeckt wurden. Charakteristisch ist die hybride Mischung des menschlichen Körpers mit tierischen Eigenschaften, durch die vertraute Formen verzerrt und körperliche Grenzen aufgehoben werden. Der russische Kulturwissenschaftler Mikhail Bakhtin beschrieb das Groteske daher auch als Metapher für die Offenheit und die Durchlässigkeit des menschlichen Körpers, die insbesondere in den Sexualorganen zum Ausdruck kommt. Was in der antiken Erzählung als lebensspendende, tröstende Geste verstanden wurde, unterlag in der Renaissance patriarchalen Normen. Die Vulva wurde nicht länger als mächtige, schöpferische Kraft gelesen, sondern als deformiertes, lächerliches Gebilde – als Narbe, die Gelächter und Häme provozierte. Baubo und Demeter wurden als hysterisch markiert, während die Darstellung des entblößten weiblichen Geschlechts mit Scham codiert und dadurch symbolisch entmachtet wurde.
Das umfangreiche Werk »Balkan Erotic Epic« (2005/2025), das der Ausstellung ihren Titel gibt, begann Marina Abramović als sie eine Reihe von Videos mit lokalen Pornodarsteller*innen in Serbien drehte. Die von der Künstlerin entworfenen Szenen, inspiriert von ländlichen Ritualen aus folkloristischen Erzählungen des Balkans, spielen mit der Spannung zwischen dem Schönen, dem gesellschaftlich Akzeptierten und dem Tabuisierten.
In »Scaring the Gods to Stop the Rain«, einem Video aus dieser Werkserie, bezieht sich die Künstlerin direkt auf die heilende, aufmunternde Energie der Vulva, die sich in Baubos und Demeters Begegnung offenbart. Die Arbeit zeigt Frauen, die sich im strömenden Regen auf das nasse Gras werfen und mit gehobenem Rock ihre Vulva dem dunklen Himmel entgegenstrecken.
Um die weit zurückreichende Verehrung der Vulva in verschiedenen Ländern des Balkans zu verbildlichen, leitet ein archäologischer Fund die Ausstellung ein. Eine kleine Figur aus dem neolithischen Zeitalter, die 2021 bei Ausgrabungen in Nordmazedonien gefunden wurde, zeigt einen feminisierten Unterleib. Als Repräsentation der »Great Mother Goddess« verkörpert sie die historische Zuschreibung göttlicher Kraft an das weibliche Geschlecht.
Der Titel »Balkan Erotic Epic« betont die zentrale Rolle von Epos, Mythos und Erzählung für die 2025 überarbeitete Werkserie. Indem Abramović die narrativ-fiktive Dimension dieser Überlieferungen sichtbar macht, hinterfragt sie den Wahrheitsgehalt der von ihr inszenierten, grotesk erscheinenden Rituale, in denen sich Körper mit der natürlichen Umwelt vereinen. Besonders deutlich wird dies in der Zwei-Kanal-Videoprojektion »Magic Potions«, die den Auftakt der Schau bildet und auf die Figur der »Mother Goddess« folgt. Eine Person im weißen Laborkittel wird darin aufgrund ihres flämischen Akzents als Westeuropäerin markiert. In betont nüchternem Ton berichtet sie von sexuell konnotierten Ritualen, die in ländlichen Balkanregionen vermeintlich über Jahrhunderte hinweg praktiziert wurden. Während Abramović in der Version von 2005 selbst die Rolle der Erzählerin übernahm und die »distanzierte« Insiderin verkörperte, betont das Auftreten der belgischen Wissenschaftlerin in der Aktualisierung den anthropologischen Blick von außen auf die Balkanstaaten. Abramović verankert damit ihren Werkzyklus im Diskurs um »Balkanismus«, ein Konzept, das 1997 von der bulgarischen Historikerin Maria Todorova entwickelt wurde. In Anlehnung an Edward Saids postkoloniale Theorie des Orientalismus, zeichnet Todorova die Konstruktion und Verbreitung negativer Stereotype nach. Diese wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Balkan-Begriff assoziiert. Während der »Orient« als Projektionsfläche eines absoluten – und zugleich feminisierten – Gegenpols zum »aufgeklärten«, rationalen Europa entworfen wurde, erscheint der in Südosteuropa verortete »Balkan« als ambivalenter Schwellenraum zwischen West und Ost sowie Christentum und Islam. Diese Vorstellung prägen teils bedrohlich konnotierte Bilder von Hybridität und Übergang. Zuschreibungen, die archaisch-mittelalterliche Zustände, eine noch ausstehende Moderne oder eine umkämpfte »europäische Zivilisierung« aufrufen, werden von gegenderten Vorstellungen »roher« Männlichkeit begleitet.
Die Ästhetik des Grotesken in »Scaring the Gods to Stop the Rain«, »Fucking the Ground/Fertility Rites« und weiteren Werken der Serie »Balkan Erotic Epic« verweist auf die Angst vor dem Uneindeutigen, Hybriden und Durchlässigen. Sie wird somit zum Sinnbild jener Alteritätskonstruktionen des Balkans. Diese prägen Identität, Erinnerungskultur und Zugehörigkeit in pluralen Gesellschaften, indem sie definieren, wer zum »Wir« gehört.
In der Gegenüberstellung jüngster Arbeiten aus dem Zyklus »Balkan Erotic Epic« mit älteren Werken wie »Rhythm 5« (1974), »Thomas Lips« (1975/2005) und »Spirit Cooking« (1996) zeichnet die Schau Abramovićs konsequente Verwendung des Erotischen nach und verhandelt wiederkehrende Themen: die Ambivalenz des jugoslawischen Sozialismus, die sozialpolitische Geschichte des Balkans sowie Folklore, Mythologie und Stereotypisierung. Ihre seit den 1990er-Jahren erste große Ausstellung in Berlin stellt Erotik jenseits des pornografischen Blicks in den Mittelpunkt. Abramović versteht das Erotische als spirituelle Kraft und als verkörpertes Wissen, das die Grenzen des Selbst überschreitet und zugleich die ideologische Formung von Körpern hinterfragt.
Text: Elena Franziska Setzer und Savannah Thümler, Assistenzkuratorinnen
Marina Abramović. Balkan Erotic Epic. The Exhibition
15. April bis 23. August 2026
Gropius Bau