Von Bjoern Weigel

Es wird, was war

Wie man Berlin als Bühne deutscher Geschichte bespielt

Ein Markenzeichen von Kulturprojekte ist die beständige Arbeit am historischen Bewusstsein von Berlin. An authentischen Orten der Zeitgeschichte wird anlässlich von Jahrestagen an bedeutende Ereignisse erinnert. So wird Berlin zur Bühne seiner Geschichte für ein breites Publikum im öffentlichen Raum und die kulturelle Identität der Stadt geprägt.

20 JAHRE 1989
Am Anfang stand 2009 das Jubiläum zu 20 Jahren Friedliche Revolution und Mauerfall. Eine große Ausstellung auf dem Alexanderplatz mit Hunderten von überdimensionalen, überall auf der Welt bemalten Dominosteinen, die in einer spielerischen Aktion zu Fall gebracht wurden, ist exemplarisch für die Arbeit von Kulturprojekte Berlin: umsonst und draußen, ohne Barrieren und für alle — ein starkes Bild, das in die Welt gesendet wurde.

8.000 BALLONS
Kulturprojekte Berlin avancierte damit zum Partner mit eigenem Gestaltungswillen, der Ausstellungen und Events kuratiert und produziert, die zugleich Inhalte, Anliegen und Bedeutung diverser Institutionen vermitteln. Aus diesem Geist entstand 2014 die »Lichtgrenze«: 8.000 Ballons auf Stelen entlang des ehemaligen Mauerverlaufs, die am 9. November in den Himmel aufstiegen. Nicht nur ein visueller Höhepunkt — das Wort des Jahres 2014 lautete: Lichtgrenze.

30.000 WÜNSCHE UND IDEEN
Riesige Publikumsfeste waren auch die Mauerfall-Jubiläen 2019 und 2024. Zum 30. Jahrestag mit der Installation »Visions in Motion« des Künstlers Patrick Shearn, für die Wünsche und Ideen von 30.000 Menschen an das sogenannte Skynet geheftet wurden und ein beeindruckendes Bild ergaben auf der Straße des 17. Juni. 2024 wurde ein Teil der einstigen Grenze mit Musik, Gesprächen und Ausstellungen bespielt, an dem ein umfangreiches, eigens erstelltes Buch an Zehntausende verteilt wurde. Krönender Abschluss war das Konzert vor beeindruckender Kulisse am Brandenburger Tor. Der Aufbau der Bühne ist übrigens in Wolfgang Beckers liebevoller Filmkomödie »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« verewigt.

THEMA FÜR 1 JAHR
2013 beschäftigte sich das Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« mit dem kulturellen Kahlschlag in der Zeit des Nationalsozialismus. Gut 200 Litfaßsäulen erinnerten durch Porträts verfolgter Berliner*innen an das, was im NS-Berlin an Kultur kaputt gemacht wurde. Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa wurde zum 70., 75. und 80. Jubiläum unter jeweils völlig verschiedenen thematischen Setzungen im Stadtraum erzählt — und 2020 wegen der Pandemie binnen kürzester Zeit online statt am historischen Ort.

175 JAHRE 1848
Um 100 Jahre später an die Revolution von 1918/19 zu erinnern, zeigte Kulturprojekte Berlin einen 1919 gebauten Möbelwagen mit historischer Ausstellung an Orten des Umbruchs. Oder baute eine Barrikade wie aus dem 19. Jahrhundert an der Friedrichstraße auf, um 2023 die Märzrevolution von 1848 über ein einfaches Bild ins Gedächtnis zu rufen.

 

Bjoern Weigel war bis 2025 wissenschaft­licher Leiter des Bereichs Ausstellungen und Veranstaltungen

Januar, 2026

© Kulturprojekte Berlin, Foto: Thomas Meyer
© Sergej Horovitz