Von Gabriele Miketta

Ein Haus mit vielen Talenten

Wie aus einem barocken Wohnpalais ein Ort wurde, der als Podewil für kulturelle Vernetzung und Verbindung steht

Das Podewils’sche Palais atmet Berliner Geschichte wie kaum ein anderes Haus. 1701 bis 1704 vom Barockarchitekten Jean de Bodt für Hofrat Caspar Rademacher erbaut, verdankt es seinen Namen einem späteren Besitzer: Heinrich Graf von Podewils, Geheimer Staats-, Kriegs- und Kabinettsminister unter Friedrich II. erwarb den Bau 1732, bis 1761 blieb es im Besitz der Familie. In die öffentliche Hand kam das Anwesen 1876, als der Magistrat von Berlin hier zunächst das Märkische Museum (heute Stadtmuseum Berlin) unterbrachte, dann die städtischen Wasserwerke, die Berliner Sparkasse und den Bezirksbürgermeister von Mitte. Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, wurde das Palais nach 1945 in veränderter Form wieder aufgebaut, die Fassade blieb weitgehend erhalten. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz.
Am Wiederaufbau war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) entscheidend beteiligt. Deshalb wurde ihr das Gebäude im März 1954 als »Zentrales Klubhaus der Jugend« zur Nutzung übergeben. In den 1970er-Jahren gewann es als Haus der jungen Talente (HdJT) an Profil, später fanden alternative und experimentelle Kunstformen Eingang ins Programm und das HdJT genoss wachsende Freiräume: Nina Hagen, Bettina Wegner, Veronika Fischer, die Bands Engerling, Lift und Pankow, Stephan Krawczyk, Wenzel und Mensching mit Karls Enkel, Barbara Thalheim, Jazzgrößen wie Uschi Brüning, Ulrich Gumpert, Peter Brötzmann und Konrad Bauer probten oder traten hier auf und machten das HdJT zu einem der wichtigsten kulturellen Ausgehorte in Ost-Berlin mit bis zu 20 Veranstaltungen pro Woche.

Die Welt zu Gast in der DDR

Im Saal mit 450 Plätzen, im legendären Jazz-Keller, auf dem Hof sowie in weiteren zwölf Räumen liefen Konzerte von Rock bis Jazz, Feste, Diskos, Ausstellungen, Diskussionen, Filme und vieles mehr. Ab 1970 war das HdJT jährlich Treffpunkt des hier erdachten Festivals des Politischen Liedes. Die Welt kam zu Besuch und Hunderte standen über Nacht für Karten an. Die immense Ausstrahlung gründete zudem auf der Arbeit der gut 40 Gruppen und Zirkel. Etwa 800 Mitglieder besuchten die Kurse für Malen/Zeichnen, Druckgrafik, Fotografie, Plastik, Keramik oder Textilgestaltung. Theatergruppen, Kabarett, Singeklub, Pantomime-Studio, Chor, Tanzensemble und der Turniertanzkreis Berlin nutzten die Probenräume. 1986 wurde hier der erste Computerklub der DDR ins Leben gerufen.
Alles Renommee half nichts gegen die Abwicklung nach dem Mauerfall. Der Gesamtberliner Senat hatte andere Pläne mit dem Haus in bester Lage. Am 15. Oktober 1991 wurde die Berliner Kulturveranstaltungs-GmbH (BKV) aus der Taufe gehoben. Sie sollte ein Konzept zur Bespielung des Hauses vorlegen und als Träger für Spielstätten und Festivals dienen. So gehört die Schaubude Berlin (das ehemalige Staatliche Puppentheater der DDR) bis heute zu Kulturprojekte Berlin. Das Theater am Halleschen Ufer (heute HAU 2), das Festival »Tanz im August«, das »Videofest« (heute Transmediale) und weitere Formate gingen über die Jahre in andere Trägerschaften über.
Mit der Reihe »Grenzenlos« etwa wurde ein Berliner Programm zum Kulturaustausch mit osteuropäischen Hauptstädten aufgelegt. Im Sommer 1992 nahm das Podewil den Programmbetrieb mit einer spartenübergreifenden Mischung aus Musik, Theater und Tanz auf. Der Name sollte an die Historie anknüpfen und gleichzeitig 35 Jahre DDR beiseiteschieben — eine gängige Praxis nach 1990.
Kurioserweise wurde das Podewil als Zentrum für aktuelle Künste erneut zu einem Haus der Talente. Ein ambitioniertes Artist-in-Residence-Programm gab wichtige Impulse für Sasha Waltz, Xavier Le Roy, Gob Squad, Showcase Beat le Mot, She She Pop und viele weitere, die hier ihre erfolgreichen internationalen Karrieren starteten. Alte Hasen wie Fluxuspionier Emmett Williams oder Newcomer wie das Kammerensemble Neue Musik Berlin nutzten die preiswerten Probenräume. Für die Neue Musik war das Podewil bald der wichtigste Aufführungsort in Berlin. Später entstand auch aus diesem Netzwerk das Festival MaerzMusik. Die Theater-, Performance- und Tanz-Reihen stärkten den Ruf als international geschätzter (Ko)-Produktionsort. Besonders das Festival »Reich & berühmt« leistete Pionierarbeit für die Szene. Hier zeigte ab 1999 René Pollesch seine ersten Arbeiten in Berlin.
Das breite Kulturangebot zum Mitmachen aus DDR-Zeiten hatte sich zwar erledigt. Besucherschlangen bis zur Klosterruine und Bestechungen am Einlass waren passé. Doch auch das Podewil eroberte sich für seine experimentellen, zukunftsweisenden Ansätze bald ein treues Publikum. Populäre Formate wie die sommerlichen Hofkonzerte mit Jazz, Klassik und Tango, das Open-Air-Kino oder der literarische Salon Britta Gansebohm taten ein Übriges. Ein Hofkonzert der Jazz Passengers mit Blondie-Sängerin Debbie Harry brach alle Besucherrekorde.

Tesla gab es hier nur drei Jahre

Das alles klingt nach einer großartigen Erfolgsgeschichte und einem tragfähigen Konzept unter komplett neuen gesellschaftlichen Bedingungen. Doch am Ende scheiterte das Podewil an fehlenden Zuwendungen. Der BKV wurden über die Jahre so heftige Kürzungen zugemutet, dass die Mittel fürs ambitionierte Programm nicht mehr ausreichten. Nach zwölf aufregenden Jahren war 2004 Schluss. Danach versuchte der Verein Tesla, ein Haus für die Medienkunst zu entwickeln, was angesichts minimaler Budgets und sehr spezieller Angebote Ende 2007 wieder vorbei war.
Zu dieser Zeit bestand die Kulturprojekte Berlin GmbH bereits ein gutes Jahr. Schon seit Beendigung des Podewil-Spielbetriebs hatte ein lang gehegtes Vorhaben der Kulturverwaltung an Fahrt aufgenommen: Die BKV sollte mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin (MD) vereint werden. Der hatte in West-Berlin seit 1980 Vermittlungsarbeit und Vernetzung für die landeseigenen Museen, Sammlungen und Archive angekurbelt. Nach 1990 kamen die Ost-Berliner und Potsdamer Museen, Bundesmuseen, Stiftungen und Universitätssammlungen dazu, aber nicht mehr Mittel und Personal. Die Fusion mit der BKV schien ein vielversprechendes Modell, die Aufgaben beider Organisationen zu bündeln und so auskömmlich zu finanzieren. Es galt, sich zusammenzuraufen und das Ganze mit Leben zu füllen. Beliebte Formate wie die Lange Nacht der Museen wurden fortgeführt und zahlreiche neue stadtweite Projekte und Initiativen für Berlin konzipiert und organisiert.
So wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des einstigen Podewils’schen Palais aufgeschlagen. Nach wie vor füllt auch Kinderlärm die Flure, das Grips Theater betreibt mittlerweile seine zweite Spielstätte im Haus. Und Theater und Schule (Tusch), Theater und Kita (Tuki) und Erzählzeit koordinieren von hier ihre Netzwerke. Mit Blick auf solche Nachbarschaften und die vielfältigen Aktivitäten von Kulturprojekte Berlin ist das Podewil also nach wie vor ein Haus mit Talenten — mitunter sogar sehr jungen.

 

Gabriele Miketta blickt auf 33 Berufsjahre im Podewil zurück und ist seit Anfang an bei KPB, seit 2019 als Redakteurin beim Museumsjournal

Januar, 2026

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Kultursommerfestival 2023 © Kulturprojekte Berlin, Foto: Markus Werner