SIMONE LEIMBACH IM INTERVIEW
Sie kümmern sich sich bei Kulturprojekte Berlin um die großen Events und Festivals. Was ist für Sie wichtig bei der Durchführung?
Simone Leimbach: Den Überblick zu bewahren und alle Fäden in der Hand zu halten. Es sind immer sehr komplexe Projekte, die auch stark partnerschaftlich organisiert sind. Wir arbeiten mit allen großen Kultureinrichtungen der Stadt zusammen. Bei der Berlin Art Week zum Beispiel mit Museen, Ausstellungshäusern, Galerien, Privatsammlungen sowie der Freien Szene. Als Landesgesellschaft agieren wir an der Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung, Kultureinrichtungen und Kreativen, wir balancieren alle Interessen aus. Dabei haben wir vor allem das Publikum im Blick und versuchen immer, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen.
Was wollen Sie erreichen?
Eine kulturelle Teilhabe für möglichst viele Menschen! Und größere Sichtbarkeit von Kultur und Zeitgeschichte im Stadtraum, umsonst und draußen, partizipativ und für alle zugänglich.
Wie finanzieren Sie diese ganzen Sachen eigentlich?
Wir haben kein Programm-Budget. Für jedes Projektvorhaben müssen Mittel akquiriert werden. Ein großer Teil sind öffentliche Gelder, oftmals auch Lottomittel. Die Lange Nacht der Museen ist das einzige Format, das sich durch die Ticketeinnahmen selbst trägt. Deshalb sind die Kürzungen bei Kulturprojekte Berlin und auch bei einzelnen Projekten so schmerzlich. Langjährig etablierte und sehr erfolgreiche Formate, wie die Berlin Art Week, werden vorerst von der Kulturverwaltung nicht mehr unterstützt — wir werden die BAW aber zumindest für die nächsten beiden Jahre erhalten können, wie es danach weitergeht, ist offen. Auch der EMOP steht auf der Kippe, für die nächste Ausgabe gibt es bislang keine Finanzierung.
Wie wichtig ist die Außenwirkung?
Großevents wie 35 Jahre Mauerfall oder zuletzt die Silvesterparty am Brandenburger Tor schaffen natürlich besonders viel Aufmerksamkeit. Die Bilder gehen um die Welt und strahlen zurück auf die Stadt. Berlin wird sich seines kulturellen Kapitals als Stadt der Freiheit oft erst bewusst, wenn das von außen gespiegelt wird. Alle unsere Veranstaltungen haben identitätsstiftende Funktion und transportieren gleichzeitig ein positives Image der Stadt nach außen. Das ist auch interessant für die Tourismusbranche.
Wer 20 Jahre alt wird, schaut zurück. Was ist heute anders als früher?
Wir entwickeln unsere langjährigen Formate stetig weiter, gewinnen neue Akteur*innen oder Partner*innen dazu. Wir reagieren mit unseren Projekten immer auf die aktuelle gesellschafts-politische Gemengelage und überlegen, welche Themen die Menschen gerade bewegen — und wie wir Geschichte in die Gegenwart holen können. Das sind beispielsweise bei dem Mauerfall-Jubiläum 2009 sicherlich ganz andere Spannungsfelder als in 2024. Auf Produktionsebene sind Sicherheitsthemen relevant geworden und nehmen viel Zeit und Mittel in Anspruch. Gerade für große Veranstaltungsformate ist zudem die Nachhaltigkeit heute essenziell. Welche nachhaltigen Maßnahmen umgesetzt werden können, ist immer auch eine Abwägung und oftmals leider auch eine Frage des Geldes.
Sie sind schon lange für Kulturprojekte tätig. Gab es einen Aha-Moment, in dem sich Ihnen gezeigt hat, was diese Arbeit so besonders macht?
Die Mauerfall-Jubiläen. Damit bin ich 2009 bei Kulturprojekte eingestiegen. Hier kommen alle unterschiedlichen Versatzstücke zusammen: die gesellschaftspolitische Relevanz — nicht nur für Berlin, sondern national und international —, die Bildungs- und Vermittlungsarbeit, gleichzeitig aber auch die Arbeit mit langjährigen Netzwerken in der Stadt sowie mit Akteur*innen weltweit, wie beispielsweise internationalen Dissident*innen, die in ihrem heutigen Kampf für Freiheit Kraft aus den Ereignissen von 1989/1990 schöpfen.
Was wünschen Sie sich von der Berliner Kulturpolitik?
Wertschätzung. Sich bewusst zu sein, was sie mit uns als Instrument in der Hand hat. Dass das nicht selbstverständlich ist, sondern Kulturprojekte die finanzielle Ausstattung benötigt, um die Schlagkraft erhalten zu können. Denn das ist unser USP: kurzfristig auf Projekte aufzuspringen und sie zu realisieren. Und dass Formate, die so sehr für diese Stadt stehen, wie die Berlin Art Week oder der EMOP, die über so viele Jahre aufgebaut wurden und jetzt in Bestform sind, weiterhin Unterstützung bekommen. Dass die jahrelangen Investitionen und das Engagement von so vielen Partner*innen und Akteur*innen für diese Gemeinschaftsprojekte — und damit auch für Berlin als Kulturstadt — gewürdigt und verstetigt werden.
Ein Blick nach vorn: Worauf freuen Sie sich?
Ich freue mich immer, wenn neue Themenfelder aufgemacht werden. Wir haben gerade das Städtepartnerschaftsjubiläum Berlin-Windhoek betreut und uns intensiv mit dekolonialer Erinnerungskultur auseinandergesetzt. Das Schöne ist immer, wenn man in neue Bereiche einsteigt und einen Mehrwert schaffen kann, weil neue Partnerschaften geschlossen werden und neue Sichtbarkeiten für bestimmte Themen in der Stadt entstehen. Und ich bin mir sicher: Es kommt immer wieder Neues rein.
Januar, 2026