Emanzipation im Fokus

Grit Kallin-Fischer, Selbstporträt mit Zigarette, um 1928, Bauhaus-Archiv Berlin
Museumsjournal 2/26

Emanzipation im Fokus

Ihre Bilder prägten die Moderne, doch ihre Namen wurden vergessen. Eine Ausstellung holt die BAUHAUS-FOTOGRAFINNEN jetzt ins Licht

Gertrud Arndt, Maskenfoto Nr. 16, 1930, Bauhaus-Archiv Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Weimarer Republik war eine Zeit des gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs. Die junge Demokratie sah sich mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs ebenso konfrontiert wie mit rasantem technischem Fortschritt, dem Aufkommen neuer Medien und einer Infragestellung traditioneller Werte. Auch die Rolle der Frau wandelte sich: Mit der Einführung des Frauenwahlrechts begann im November 1918 ein neues Kapitel politischer Teilhabe. Zugleich strebten immer mehr Frauen nach ökonomischer Unabhängigkeit und beruflicher Selbstverwirklichung. Die Fotografie bot dafür ideale Chancen: Sie versprach künstlerische Freiheit und ein eigenes Einkommen. Die Kamera wurde zum Werkzeug weiblicher Selbstermächtigung.

Bereits im späten 19. Jahrhundert hatte das Berufsfeld der Fotografin an Bedeutung gewonnen. Da die vergleichsweise junge Praxis zunächst eher als handwerkliche Tätigkeit galt und noch nicht fest akademisch verankert war, eröffnete sie Frauen frühzeitig berufliche Möglichkeiten. Bestimmte fotografische Tätigkeiten, wie die Porträtfotografie oder das Retuschieren der Bilder, galten als mit vermeintlich weiblichen Fähigkeiten vereinbar. Immer mehr Frauen ließen sich deshalb auch in Fotoateliers sowie in speziellen Fachschulen ausbilden.

In der Weimarer Republik steigerte sich die Zahl der Fotografinnen und das Lehrangebot an Hochschulen kontinuierlich. Auch das Dessauer Bauhaus richtete 1929 eine Fotoklasse ein, fast die Hälfte der Studierenden waren weiblich. Schon vorher spielten Fotografinnen eine zentrale Rolle für das Bauhaus. Früh bewarben Aufnahmen professioneller Fotografinnen – darunter von Paula Stockmar, dem von Frauen geleiteten Atelier Hüttich und Oemler oder Lucia Moholy – die Produkte und Werke der einflussreichen Kunst-, Design- und Architekturschule. Mit der zunehmenden Verbreitung der Kleinbildkamera ab 1925 wuchs das Interesse an dem Medium. Viele Studentinnen beobachteten ihre Umgebung durch die Kameralinse und hielten diese in ungewohnten Perspektiven fest. Während zahlreiche dieser Aufnahmen heute weltbekannt sind, bleiben ihre Autorinnen oft vergessen.

Ivana Meller-Tomljenović, Porträt Grete Krebs, 1930, Bauhaus-Archiv Berlin
© Marinko Sudac

Die Ausstellung des Bauhaus-Archivs / Museum für Gestaltung, widmet sich erstmals dem umfangreichen Wirken dieser Fotografinnen und erzählt deren Geschichte aus genderhistorischer Perspektive. Sie verknüpft kunst- und medienhistorische Fragen mit Themen wie Urheberschaft, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Präsentiert werden rund 300 Werke von 29 Fotografinnen aus dem Bestand des Bauhaus-Archivs. Neben Arbeiten von Lucia Moholy oder Florence Henri sind auch weniger bekannte Positionen, etwa von Irene Hoffmann oder Grit Kallin-Fischer, vertreten. Dabei beleuchtet die Ausstellung über die Ära des historischen Bauhauses hinaus auch das spätere Schaffen der Fotografinnen. Die Präsentation wird ergänzt durch Werke von Künstlerinnen des Institute of Design in Chicago, der US-amerikanischen Nachfolgeinstitution des Bauhauses, die 1937 von Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy gegründet wurde.

Die Ausstellung beginnt mit einem Kapitel über die Porträtfotografie. Hier untersucht die Schau, wie die Fotografinnen sich selbst und ihre Kommilitoninnen vor dem Hintergrund eines gewandelten Frauenbilds inszenierten. Oftmals griffen sie das in der Weimarer Republik allgegenwärtige Ideal der Neuen Frau auf und übersetzten es in die moderne Bildsprache des Neuen Sehens. Ein anderes Kapitel der Ausstellung beleuchtet den Fotografieunterricht am Bauhaus unter der Leitung von Walter Peterhans. In Porträt-, Landschafts- und Naturstudien sowie Stillleben wurden Texturen, Materialität, Lichtführung und Bildschärfe gezielt eingesetzt, um fotografische Gestaltungsmittel zu erproben. Thematisiert wird auch die experimentelle Praxis – Fotocollagen und Fotogramme eröffnen Ausdrucksformen jenseits der Kamera und verdeutlichen, wie nah die Fotografinnen der künstlerischen Avantgarde standen. Sozialdokumentarische und fotojournalistische Aufnahmen spiegeln Alltagsthemen, soziale Ungleichheit und politische Umbrüche wider. Zugleich zeigen sie, wie die oft ins Exil gezwungenen Fotografinnen ihre Arbeit unter wechselnden politischen Bedingungen sicherten. Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich der modernen Architekturfotografie: Ungewöhnliche Perspektiven, starke Auf- und Untersichten sowie Detailaufnahmen lösen sie aus ihrer ursprünglich dokumentarischen Funktion und verwandeln sie in künstlerische, zuweilen abstrakte Bildkompositionen.

Die Ausstellung zeigt, wie die Bauhäuslerinnen Fotografie als Instrument für mehr Selbstbestimmung, künstlerische Forschung und die Dokumentation gesellschaftlicher wie politischer Wirklichkeiten einsetzten. Ihre Relevanz für die Gegenwart verdeutlicht die Einbeziehung zeitgenössischer Kunst. Die Berliner Künstlerinnen Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner nutzen wie ihre historischen Vorbilder das fotografische Bild, um Raum und Gesellschaft zu analysieren und die Grenzen des Mediums auszuloten.

Beschäftigt man sich mit Fotografinnen und ihren Lebenswegen aus gender-kritischer Perspektive, stellt sich zunächst die Frage, wen der Begriff der Frau bezeichnet. Gemeint ist keine eindeutig definierte oder homogene Gruppe, sondern eine historische Zuschreibung, die unter jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen wirksam wird. Die Biografien der Fotografinnen sind ebenso vielfältig wie ihre Überzeugungen, persönlichen Vorlieben und Beziehungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Erfahrung der Zuschreibung tradierter Geschlechterrollen, die ihre beruflichen Möglichkeiten begrenzten und sich insbesondere im Nationalsozialismus und in der westeuropäischen Nachkriegszeit sogar noch verschärften. In der von Männern dominierten Kunstwelt wurden ihre Arbeiten marginalisiert und aus dem kunsthistorischen Gedächtnis verdrängt – eine strukturell erzeugte Unsichtbarkeit, die bis heute nachwirkt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nach wie vor die Frage nach der Rolle von Ausstellungen, die sich gezielt Künstlerinnen widmen. Besteht die Gefahr, existierende Zuschreibungen fortzusetzen und weiblich gelesene Positionen erneut als Sonderfall zu markieren? Die Antwort ist komplex. Die Kunsthistorikerin Emmy Voigtländer bemerkte bereits 1914 über die Leipziger Ausstellung »Haus der Frau«: »Vielleicht wird das für die Zukunft ertragreichste Ergebnis dieser Sonderausstellungen der Beweis ihrer Überflüssigkeit in dem Sinne sein, dass allmählich die Leistungen von Frauen als selbstverständlich in die allgemeine Kulturarbeit aufgenommen werden, wo man erst die Güte der Arbeit sieht und dann ihren Verfertiger.« Aktuelle Zahlen zeigen, dass dies noch längst nicht erreicht ist. Erhebungen, etwa der Berliner Kulturinitiative »fair share« machen deutlich, dass Werke von weiblich gelesenen Personen, insbesondere von Müttern, weiterhin seltener ausgestellt und gesammelt werden sowie geringere Marktpreise und Förderungen erzielen. Solange Gleichberechtigung im Kunstbetrieb nicht selbstverständlich ist, bleibt die Beschäftigung mit diesem Thema essenziell – nicht als Abgrenzung, sondern als Mittel gegen strukturelles Vergessen.

Text: Kristin Bartels, Kuratorin

 

Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen
17. April bis 4. Oktober 2026
Museum für Fotografie 

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