Lehren und Lernen
Lehren und Lernen
Er malte psychologische Porträts und historisch durchwebte Stadtlandschaften. Als Professor war WOLFGANG PEUKER prägend an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee
»Grau ist auch eine Farbe!« So lautete einer der Lehrsätze des Künstlers Wolfgang Peuker (1949–2001). Grau in vielen Schattierungen prägt die Bilder seiner sogenannten »Berlin Suite«, entstanden zwischen 1989 und 2001. In ihr porträtierte Peuker die alte und neue Hauptstadt, setzte historische Gebäude und Figuren in karge Szenerien, symbolisch verklärt und dämonisch aufgeladen zugleich. Zu sehen ist diese Werkserie aktuell in der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank. Anlässlich seines 25. Todestages gibt die dortige Ausstellung »Klasse in Weißensee! Wolfgang Peuker und seine Schüler*innen« einen Einblick in das künstlerische Vermächtnis. Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit der Weißensee Kunsthochschule Berlin, die in diesem Jahr ihr 80-jähriges Jubiläum feiert.
Peuker zählt zu den Malern der zweiten Generation der Leipziger Schule und kam 1989 von Leipzig nach Berlin. Von 1965 bis 1970 studierte er an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) bei Werner Tübke, Harry Blume, Hans Mayer-Foreyt, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Seit 1977 Assistent, war er ab 1983 Dozent an der HGB und kam mit viel Lehrerfahrung nach Berlin. Seine Berufung an die Kunsthochschule im Jahr der Friedlichen Revolution mündete 1993 in eine Professur für Malerei. Neue Wege, Kompositionen von historischen Orten und auch eine Faszination für berühmte Persönlichkeiten prägten das Werk Peukers nach 1989. »Fünf Jahre reicht der ›Ost-Maler‹-Bonus, dann muss man sich neu orientiert haben«, war Peuker überzeugt.
Seine Aussagen zur Lehre beschränken sich auf einen einführenden Text zu der Ausstellung »Wolfgang Peuker. Schülerinnen & Schüler«, 1995 im Haus am Lützowplatz. Er wies darin auf die Ambivalenz der Idee hin, Kunst zu lehren. Seiner Meinung nach gab es in der Kunst nicht die einzige, »richtige« Lösung, sondern eigentlich sei alles möglich. Dennoch sah er sich zugleich als Vorbild, das durch die eigene Arbeit und Perspektive seinen Schülerinnen und Schülern einen Anstoß zu geben vermochte. Der Unterricht, so Peuker, müsse vor allem »von der beiderseitigen gedanklichen, künstlerischen Herausforderung geprägt« sein. Im Kern sah Peuker die Lehre und das Lernen von einem hintergründigen Dauerkonflikt zwischen beiden Seiten geprägt. »Der Schüler hat somit die einmalige Chance, sein Talent auszubeuten. Im Grenzfall wird der Meister zum Therapeuten, im Glücksfall überwindet der Schüler ihn, indem er mit seinen Spielregeln die letzte Instanz der eigenen Arbeit wird.« Nicht also im Epigonentum, sondern in der Emanzipation von den Vorbildern sah der Künstler den Beweis einer erfolgreichen Lehrkunst.
Zu dieser auf Befähigung gerichteten und ganzheitlichen Philosophie der Lehre zählte auch, dass Peuker neben handwerklichem Können das Leben außerhalb des Ateliers als Teil des Künstlerdaseins verstand. Zur Bildung gehörten für ihn zudem Film, Musik, Boulevard − hochkulturell und populär. Die Schülerinnen und Schüler erinnern sich an sein großes Interesse an allen öffentlichen Debatten.
Parallel zur Studienzeit der vier in der Ausstellung gezeigten Künstlerinnen und Künstler Stefanie Hillich, Sibylle Prange, Philipp Schack und Christian Christian Thoelke, thematisierte Peuker in der »Berlin Suite« in kühler Draufsicht die Spannungen und Möglichkeiten der 1990er-Jahre. Seine Faszination für Historie, Preußenkult und Prunk verhandelte er ebenso wie Geschichtsskeptizismus und den düsteren Entwicklungen der Zeit wie Rechtsextremismus und neu aufkeimendem Nationalismus. Der Mensch bildete den zentralen Referenzpunkt seiner Auseinandersetzung.
»Für Peuker entstand die Berührung ausgehend vom Gegenstand. Sein Ansatz war es, das Gegenständliche geradezu zu verteidigen«, erklärt die 1969 in Eberswalde geborene Malerin Sibylle Prange, die in Berlin lebt und arbeitet. Gegenständlichkeit und der Bezug zum Menschen zeigen sich bis heute bei allen in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten.
Philipp Schack nimmt eine Sonderrolle ein, seine kraftvollen, farbigen Bilder datieren bis zu seinem frühen Tod 2006, im Alter von 39 Jahren. Die in übervolle geometrische Umgebungen eingewebten Akteure finden in der Konzentration auf menschliches Agieren Anknüpfung an das Werk Wolfgang Peukers.
Menschenleer hingegen tritt die Landschaft in Sibylle Pranges aktuellen Arbeiten den Betrachtenden entgegen. Und doch sind es gerade die Spuren des Menschlichen, die sich mit leiser Beharrlichkeit ins Zentrum drängen. Die Szenerien werden von Dingen bestimmt – ein einsamer Sprungturm am Ufer, ein abgestellter Wohnwagen –, stille Zeugen einer Anwesenheit. Die Abwesenheit der Figuren unterstreicht ihre Präsenz oft umso deutlicher.
Die gegenwärtigen Arbeiten von Stefanie Hillich, geboren 1974 in Berlin, sind von verschiedenen Figuren bevölkert. Ihr surrealer Kosmos aus kleinen Szenerien, Porträts und wundersamen Welten birgt einen großen Reichtum an Verweisen. Die Sicherheit gegenständlicher Detailtreue, konterkariert die Künstlerin durch ein virtuos-fantastisches Geschehen.
Abwesenheit oder Abgewandtheit der menschlichen Protagonisten ist ein wichtiges Element in der Malerei von Christian Thoelke, Jahrgang 1973. Seine Akteure verdichten in ihrer Rückenansicht Emotionen. Verlassene Architekturen stellen Fragen nach den Brüchen, nach dem Verbleib der Bewohner, die einst Geplantes und Gebautes verwaist hinterlassen.
Wolfgang Peuker starb 2001 sehr plötzlich in Berlin. Seine Schüler*innen öffnen in ihren Werken bis heute eigenständige Bildwelten, im Gewebe ihrer Arbeit bleiben nur wenige Fäden, die auf Peukers Lehre verweisen. Seiner eigenen Definition von Lehre gemäß – ein Beweis des nachhaltigen Erfolgs.
Text: Elke Neumann, Kuratorin
Klasse in Weißensee! Wolfgang Peuker und seine Schüler*innen
bis 5. Juli 2026
Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank