Die Appetitmacher 

Hans Hillmann, Panzerkreuzer Potemkin, 1967. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz
MuseumsJournal 1/24
Wie macht man dem Publikum Lust auf den neuesten Film? Das Filmplakat als Klassiker hat trotz seines Alters nichts an Attraktivität eingebüßt

Wer durch die Straßen Berlins läuft und am Kino International oder Filmtheater am Friedrichshain vorbeikommt, hat sie schon gesehen: Großformatige, handgemalte Leinwände, die den neuesten Film bewerben. Sie stechen ins Auge und sind die letzten ihrer Art. Denn während zur Anfangszeit des Kinos im frühen 20. Jahrhundert das Straßenbild von Plakaten geprägt war, die an Häuserfassaden, Mauern und Litfaßsäulen gekleistert wurden, sind heute vor allem Filmplakate weniger präsent. Trotz technischer Neuerungen und Veränderungen in Produktion und Bewerbung von Filmen ist das Filmplakat jedoch keinesfalls ein Relikt vergangener Tage: In ihm verdichten sich die Erwartung an ein Filmerlebnis und die Erinnerung daran wie in keinem anderen Medium der visuellen Kommunikation. Heute wird es für Filmfestivals und Kinos auf Papier gedruckt, in Leuchtkästen und auf digitalen Bildschirmen präsentiert oder in sozialen Medien und Streaming-Diensten verbreitet. Neben der Funktion, einen Film zu bewerben und damit zum Kauf von Kinotickets anzuregen, spiegeln Filmplakate ihre Entstehungszeit sowohl durch ihre grafisch-künstlerische Gestaltung als auch durch ihre Motive. Dabei können sie einen wahrhaft ikonischen Status annehmen, wie etwa das Plakat zu »Der weiße Hai« zeigt: Das Motiv spielt mit der Imagination des Publikums, denn das unausweichliche Schicksal der Schwimmerin über dem weit aufgerissenen Maul des Tieres vollendet sich im Kopfkino und ist mindestens so bekannt wie der Film selbst. 

Boris Bilinsky, Metropolis, 1927. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz
Hans Hillmann, Panzerkreuzer Potemkin, 1967. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz

Die Ausstellung »Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten« lädt zu einer multiperspektivischen Reise durch die Geschichte dieses Mediums ein. Rund dreihundert originale Exponate aus zwölf Jahrzehnten werden präsentiert – das früheste Filmplakat stammt aus dem Jahr 1905, das jüngste ist von 2023. Von den ersten Werbeaushängen nach der Erfindung des Kinematografen und expressionistischen Entwürfen aus der Zeit des Stummfilmkinos über die progressive Grafik Hans Hillmanns oder Isolde Baumgarts in den 1960er-Jahren bis hin zu ersten digital erstellten Entwürfen der 1990er-Jahre sowie zeitgenössischen Designs erstreckt sich die Ausstellung. Auch einige der von Götz Valien für die Yorck-Kinos gemalten Großformat-Leinwände sind zu sehen. Die Schau stellt die wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Filmplakatgestaltung vor. Sie umfasst Blockbuster wie »Star Wars« oder »Herr der Ringe« ebenso wie Plakate für Arthouse- und Independent-Filme. Zum Beispiel ist das Plakat zu »The Hitch-Hiker« zu sehen, der erste Film noir, bei dem mit Ida Lupino eine Frau Regie führte. Gezeigt werden ebenfalls Plakate für deutsche Produktionen an der Grenze zwischen Film und Kunst, zum Beispiel Ulrike Ottingers »Freak Orlando«, außerdem Filme des italienischen Neorealismus und New Hollywood bis hin zu den Filmen Pedro Almodovars. Der Superstar unter den Exponaten ist »Metropolis«, ein 1927 von Boris Bilinsky entworfenes, über zwei mal drei Meter großes Plakat für Fritz Langs Stummfilm, von dem nach heutigem Wissensstand nur dieses eine Exemplar in einem Museum erhalten ist. 

Die Sammlung der Kunstbibliothek umfasst rund 5000 originale Filmplakate. Die Ausstellung setzt sich fast vollständig aus diesem Bestand zusammen und zeigt somit auch, was mit einer Sammlung alles möglich ist. Um diesem Potenzial gerecht zu werden, wurde ein kooperativer Ansatz gewählt: 26 gemeinsam mit der Berlinale-Geschäftsführerin Mariëtte Rissenbeek nominierte Gäste aus den Bereichen Schauspiel, Regie, Kinobetrieb, Filmwissenschaft, Kunst und Grafikdesign wurden eingeladen, je ein Lieblingsplakat auszusuchen. In einem Audioguide erläutern sie dem Publikum ihre Auswahl. Zusammen ergeben diese Stimmen ein Kaleidoskop verschiedenster Perspektiven: Manche Exponate wurden nach persönlichen Erinnerungen und Begegnungen ausgewählt, andere verfolgen einen wissenschaftlichen Ansatz. In der Auswahl sind neben Klassikern wie »Hamlet« und Kultfilmen wie »The Rocky Horror Picture Show« auch aktuelle Designs wie »The Lobster« und »The Innocents« vertreten. 

Vasilis Marmatakis, The Lobster, 2015. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz
Conny, Charles Chaplin in The Pilgrim, 1929. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz

Was Filmplakate ausmacht und wie sie entstehen, wird in der Ausstellung in einem Glossar dargestellt. Anhand von Originalen werden Fachbegriffe erläutert, beispielsweise was eine A-Version ist, wie sich ein Teaser- von einem Festivalplakat unterscheidet oder was »schwebende Köpfe« oder ein »Billing Block« sind. Herstellungsprozess und gestalterische Techniken haben sich in der heutigen digitalen Welt stark verändert. Während die ersten Filmplakate häufig als aufwendige Lithografien mit handgemalten Vorlagen entstanden, werden Filmplakate nun zum Großteil ausschließlich am Computer entworfen. Doch ihre Funktion ist dabei weitestgehend gleich geblieben: Sie sollen die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen auf sich ziehen. 

Sitzen wir im Kinosaal und das Licht erlischt, so haben wir also zumeist schon eine Vorstellung von dem, was uns erwarten könnte, dank des vorher gesehenen Filmplakates. Trotz oder vielleicht gerade wegen der endlosen Flut an Informationen und visuellen Reizen, die uns im Straßenbild oder auf dem Bildschirm begegnen, lässt uns ein gut gestaltetes Filmplakat innehalten: »Wenn das Dargestellte die Phantasie und Neugier des Beschauers anregt, wenn es in ihm den Wunsch aufkeimen läßt, mehr zu sehen, dann ist es vollendet«, schrieb der Generaldirektor der UFA, Paul Davidson, bereits 1924 in einem Leitfaden für Filmreklame. Einhundert Jahre später ist diese Formel noch immer aktuell. 

Robert McCall, 2001 Odyssee im Weltraum, 1969. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz
Das Himmelsschiff, 1918. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz

Beschäftigt hat sich die Kunstbibliothek mit dem Medium Filmplakat übrigens nicht zum ersten Mal: Als Museum mit einer traditions- und umfangreichen Sammlung Grafikdesign veranstaltete sie schon 1959 und 1975 anlässlich der Berlinale Ausstellungen mit Filmplakaten. Mit »Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten«, das parallel zu den 74. Filmfestspielen am benachbarten Potsdamer Platz läuft, wird diese Verbindung aufgenommen. Dass das Medium zukunftsfähig ist, wird in der aktuellen Ausstellung deutlich: eine Vielzahl zeitgenössischer Exemplare wurde zu diesem Anlass gesammelt und beweist die kreative Stärke des Filmplakats über alle Zeiten hinweg. 

TextChristina Dembny, Co-Kuratorin der Ausstellung 

 

»Großes Kino. Filmplakate aller Zeite
bis 3. März 2024
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